10 Tipps

Natürlich kann ich auf dieser Seite keine kostenlosen Tipps für einen guten Text geben. Da wäre ich schön blöd! Wenn Sie aber einen schlechten Text schreiben möchten, einen wirklich schlechten, miesen Text, so ein richtig langweiliges, uninspiriertes, schulmeisterliches Machwerk, dann kann ich Ihnen helfen. Kostenlos und selbstlos! Die folgenden „10 Tipps für einen garantiert schlechten Text“ stammen aus dem Arbeitsmaterial meiner Textwerkstätten. Bitteschön!

Zehn Tipps für einen garantiert schlechten Text

1.) Du bist wütend, zornig, fassunglos? Schreib, dass Du wütend bist! Und keine Zeile mehr!

Kein Text ist so spannend wie die seitenlange Versicherung des Autors, dass er ein moralisch intakter Mensch ist, dass er wütend und zornig ist über Ungerechtigkeiten, über Menschenrechtsverletzungen, über Verlogenheit in Politik und Gesellschaft. Kommt aber nicht auf die Idee, zu erwähnen, worauf Ihr wütend seid! Belasst es bei allgemeinen Andeutungen: „Die korrupten Politiker“, „die unfähigen Flughafenplaner“, „die Amerikaner“ etc. … Gebt keine Details preis, keine Beispiele und erstrecht keine Geschichten. Es reicht, dass der Zuschauer weiß: Du bist wütend! Worüber? Dafür hat der Zuschauer nicht bezahlt!

2.) Gebt dem Publikum die Schuld! Immer!

In der Tiefe Eurer Autorenseele habt Ihr es schon immer geahnt: Das Publikum ist einfach zu blöd für Eure Texte. Zu dieser traurigen, aber absoluten wahren Erkenntnis gehören ein paar weitere, nicht minder erschütternde Nachrichten: Das Publikum ist nicht nur zu blöd, es hat auch keinen Humor, es weiß nichts (gar nichts), es ist absolut unpolitisch und es ist unfähig, einen guten Text zu erkennen. Auch wenn es schwer fällt: Akzeptiert das! Denkt deshalb schon beim Schreiben daran: Es lohnt sich schlichtweg nicht, …

… Zusammenhänge zu erklären. Wenn Ihr einen Hintergrundartikel gelesen, einen politischen Beitrag gesehen oder auf Youtube auf schier unglaubliche Fakten gestossen seid: Weist bloß nicht darauf hin! Baut Euren Text auf diesem Wissen auf, aber kommt nicht auf Idee, dieses Wissen mit dem Zuschauer zu teilen! Nehmt ruhig Bezug auf Tatsachen, die das Publikum nicht kennt. Es ist nicht Eure Schuld, wenn das Publikum diesen Artikel, den Beitrag und das Faktenvideo nicht ebenfalls gesehen hat. Die Tatsache, dass es das nicht hat, beweist ja nur, wie uninformiert es ist.

… auf Nachvollziehbarkeit zu achten. Knallt den Leuten Eure Überlegungen um die Ohren, und zwar ungeordnet, ohne zeitliche Einordnung, und am besten nur angedeutet. Das Publikum kann Euren Gedanken eh nicht folgen, blöd wie es nunmal ist.

3.) Sprecht jede Selbstverständlichkeit aus!

Beispiel: Wenn Ihr eine Szene schreibt, in der ein Doktor einem Patienten eine Diagnose mitteilt und ihm die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten erläutert, müsst Ihr die Szene zwingend folgendermaßen beginnen:

Patient klopft an Tür

–  DOKTOR: Herein!

–  PATIENT: Guten Tag!

–  DOKTOR: Guten Tag!

–  PATIENT: Sind Sie der Doktor?

–  DOKTOR: Ja, das bin ich!

–  PATIENT: Puh! Ein Glück! Ich bin nämlich Patient!

–  DOKTOR: Setzen Sie sich doch!

–  PATIENT: Oh, vielen Dank, da muss ich nicht stehen!

–  DOKTOR: Was fehlt Ihnen denn?

–  PATIENT: Ich bin krank!

–  DOKTOR: Oh!

–  … UND SO WEITER, BIS DIE SZENE MIT

– „Auf Wiedersehen“

– „Auf Wiedersehen“

ENDET!

Solche Dialoge sind deshalb so wichtig, weil sie den Zuschauer vor Spannung explodieren lassen: Was wird als nächstes passieren? Ob der Doktor wohl gleich sagen wird: „Machen Sie sich bitte frei“? Das Publikum wird den handelnden Figuren bereitwillig zwei Stunden folgen, gelähmt vor Angst, die Szene könnte doch noch versehentlich zum Punkt kommen. Und Doktoren sind wie das Publikum: sie haben unendlich viel Zeit.

4.) Schreibt bloß nicht so, wie die Leute sprechen!

–  Guten Tag!

–  Guten Tag!

–  Wie kann ich ihnen helfen?

–  Ich möchte gerne ein Eis erwerben!

–  Welche Eissorte darf ich ihnen denn anbieten?

–  Welche Eissorten haben sie denn so im Angebot?

–  Das kann ich ihnen gern erläutern, welche Eissorten wir im Angebot haben. Da haben wir zunächst Straciatella, gefolgt von Schokolade, und fürderhin Vanille.

–  Oh danke für die Aufklärung! Da haben Sie ja wirklich viele Eissorten im Angebot!

–  Nicht wahr? Das will ich wohl meinen!

–  Ja!

Der Vorteil eines solchen Dialogs ist, dass er so natürlich und lebensnah ist. So sprechen echte Menschen! Zwar nicht im wirklichen Leben, aber auf der Bühne.

Wie unwirklich wäre hingegen der folgende Dialog?

–  Sie?

–  Vanille!

5.) Fragt ein Familienmitglied, wie es den Text findet …

… und wenn Vati, Tochter, Gatte oder Bruder sagen: „Gefällt mir“, dann habt Ihr den Hauptgewinn gezogen! Ihr seid nämlich fertig mit dem Text. Herzlichen Glückwunsch! Geht sofort auf die Bühne und tragt den Text vor! Wenn die Ehefrau sagt: „Gefällt mir nicht!“ – Schmeißt den Text weg! Ihr könnt den Text auch einem Kollegen geben, und wenn der sagt: „Gefällt mir. Bissel lang.“, dann seid Ihr immerhin schon fast fertig. Ihr müsst nur noch „bissel“ kürzen. Streicht am besten den dritten Absatz von unten. Oder die zweite Zeile von oben. Alternativ könnt Ihr beim Textvortrag auch einfach schneller sprechen. 10 Wörter in vier Sekunden sind dabei ein guter Richtwert. Wichtig ist vor allem: Keine weiteren Fragen stellen! Fragt nicht, worum es in dem Text geht. Fragt nicht, ob der Leser ir- gendwo den Faden verloren hat. Fragt nicht, wer da spricht. Keine Fragen bitte!

 

6.) Bevor Ihr schreibt, überlegt Euch genau Anfang/Mitte/Schluss!

Und wenn Ihr Anfang/Mitte/Schluss habt, dann weicht während des Schreibens nicht mehr davon ab! Die Logik der Gedanken führt Euch nicht vom Anfang bis zur Mitte, sondern ganz woanders hin? Streichen! Mitte hinschreiben! Ihr kommt beim Schreiben vom Weg ab und findet nicht zum Schluss? Schreibt den Schluss einfach hin. Hauptsache Schluss! Muss der Zuschauer den Schluss verstehen? Nein (vgl. auch „Gebt dem Publikum die Schuld“)! Euer Text ist schlüssig! Schließlich hattet Ihr schon vor dem Schreiben Anfang/Mitte/Schluss! Das Schlimmste was beim Schreiben passieren kann: Dass Ihr Euch von einem neuen Gedanken, einer zwingenden Logik überraschen lasst!

7.) Vor dem Schreiben: Yoga, Smoothie, Meditieren!

Einfach anfangen? Vergesst es! Das wird nie was! Legt Euch in bequemer Kleidung hin und wartet auf die Muse! Und wenn sie ein paar Jahre auf sich warten lässt: Nicht ungeduldig werden! Auf keinen Fall schreiben! Denkt nicht einmal daran! Und wenn die Muse nach zehn Jahren immer noch nicht da ist, dann habt Ihr wahrscheinlich eine Schreibblockade! So sieht’s aus!

8.) Schreibt, was das Publikum hören will!

Ihr habt einen lustigen Text über Helikoptereltern gehört, das Publikum lag flach vor Lachen? Auf geht’s: Schreibt auch einen Text über Helikoptereltern! Geht nicht das Risiko ein, über ein Thema zu schreiben, was Euch wirklich unter den Nägeln brennt! Warum sollte das jemand hören wollen? Euer Auftrag ist erfüllt, wenn der Zuschauer lacht! Und der Zuschauer lacht am meisten über das, was er schon einmal gehört hat. Ihr wollt nicht noch den tausendsten Witz über Veganer machen? Das ist Feigheit vor dem Kunden! Ihr seid Dienstleister, vergesst das nicht!

9.) Haltet dem Publikum den Spiegel vor! Aber guckt niemals selbst hinein!

Ihr wollt über Gefühlskälte schreiben, über Vorurteile, über Feigheit, über geistige Bequemlichkeit, über digitale Verblödung? Macht das! Aber obacht: Als Autor seid Ihr von der Kritik ausgenommen! Zuschauer sind Schafe, sie brauchen einen Hirten! Und der Hirte kann niemals selbst ein Schaf sein!

10.) Nehmt an Textworkshops teil! Und befolgt alles, was der Workshopleiter sagt!

Die besten der besten Autoren leiten Textwerkstätten. Geht hin, hört genau zu, schreibt mit, und dann setzt die Hinweise eins zu eins um! Denn so wird’s gemacht! Und nur so! Bildet euch aber nicht ein, ihr könntet so gut werden wie der Workshopleiter. Wirklich gute Workshopleiter erkennt ihr nämlich daran, dass sie euch zwar viele Tipps geben (zum Beispiel zehn), euch aber niemals das wahre Geheimnis guter Texte verraten. Denn dieses ist sehr komplex und äußerst kompliziert, eigentlich ist dieses Geheimnis intellektuell gar nicht fassbar. Zumindest nicht für Euch! Denn das Geheimnis besteht in einer äußerst seltenen Mischung aus Talent, Genie und göttlicher Eingebung. Handwerk macht da gerade einmal zehn Prozent aus. Vielleicht auch nur fünf. Sagen wir zwei. Ach was: 0,8 Pro- zent! Abgerundet: Null!